Zwischen Verschissmuss und Klimaschismus

January 18, 2020 by hotminnie

Worte zu Unworten zu erklären, ist eine Unart politkorrekten Zeitvertreibs. Gerade erst ist das Wort Klimahysterie zum Unwort des Jahres 2019 gekürt worden. Nun ist für alle Verwender dieses Begriffs guter Rat teuer, will man nicht dem Verdikt der Sprachpolizei unterfallen.
Schon manche Ersatzbezeichnung wurde vorgeschlagen, zum Beispiel Klima-Paranoia oder Klima-Schwindel. Aber auch das hat irgendwie etwas leicht Provozierendes oder gar Polemisches. Und das will man doch eigentlich nicht. Persönlich gefällt mir deswegen auch die Bezeichnung Klimaschismus am besten.
Klimaschismus klingt eingängig, ist verständlich, hat geradezu etwas Anheimelndes an sich und ist nicht beleidigend wie etwa Klima-Sau. Und anders als bei Schwindelanfällen benötigt man bei Klimaschismus keinen Arzt; es genügt, Achgut zu lesen. Für die sprachwissenschaftlich interessierten Achgut-Leser (also alle außer die mitlesenden Sprach-Politoffiziere) noch ein etymologischer Hinweis: Klimaschismus leitet sich ab von Verschissmuss.
Das Wort Verschissmuss wurde erstmals im Jahre 2019 nachgewiesen, als es ein Ruhrpott-Blumenmädel aus Mülheim auf eine SPD-Trauerschleife drucken ließ. Nein, es ging – noch – nicht um die Beerdigung der SPD. Vielmehr hatte die SPD anlässlich des Volkstrauertages einen Kranz mit Schleife zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Auftrag gegeben.

Die Verlogenheit deutschen Gedenktums in einem Wort

Wie jedes Jahr wurde der gleiche Kranz beim selben Blumenladen mit demselben Text bestellt. Wie jedes Jahr und wie auch sonst bei jeder Gelegenheit wollte man dabei die eigene ideologische Nähe zu den Tätern verschleiern, indem man von den Opfer des Faschismus sprach statt von den Opfern des (National-) Sozialismus. Wie jedes Jahr wurde der Kranz abgelegt, ohne dass jemand hinsah, und vermutlich wurden auch die gleichen Reden wie jedes Jahr gehalten.
Bis es irgendeinem, wenn auch nicht von der SPD, doch auffiel. Da stand auf der Schleife doch tatsächlich das neudeutsche [hier passt der Begriff mal wirklich] Wort Verschissmuss. Filmreif die Reaktion der SPD [vielleicht ja demnächst in ihrem Kino bei #eskenfilme]: statt sich einfach nur dafür zu schämen, holte man die große Keule raus: man vermutete eine dunkle Verschwörung, meinte im verwendeten Doppel-s einen Geheimcode zu erkennen, eröffnete eine Hexenjagd auf die arme Frau aus dem Blumenladen und alarmierte Anwalt, Polizei und Staatsschutz.
Dabei war es nur ein Versehen der Blumenfrau. Wenn auch ungewollt, hat sie mit nur einem Wort vollbracht, wofür Chaim Noll oder Henryk Broder noch lange Artikel benötigt haben: die ganze Verlogenheit des deutschen Gedenktums zu beschreiben.

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