ATIB: Die Fakten

1

April 24, 2018 by hotminnie

BERICHT

Ausgerechnet dem Polit-Magazin Falter wurde eine Story verkauft, die der Falter wunschgemäß in großer Aufmachung herumreichte: In einer “Moschee” des türkischen Vereins ATIB in Wien hätten Kinder in Kampfanzügen Krieg gespielt. Die riesige Aufregung wurde rasch relativiert. Veranstaltungen dieser Art gibt es seit Jahren, in fast allen ATIB-Vereinen; und ebenso in den Vereinen von DITIB in Deutschland, an türkischen Schulen sowieso.
Die anfängliche Aufregung legte sich nach einigen wenigen politischen Wort- meldungen. Der Wiener Stadtrat Jürgen Czernohorszky drohte, sein Amt für Jugend und Familie und das Kultusamt einzuschalten – wohl wissend, dass beide nicht zuständig sind. Vereine fallen in Wien in den Aufgabenbereich der Landes- polizeidirektion.
Schon in den letzten Jahren war ATIB mehrmals unliebsam aufgefallen. Einmal durch Treffen salafistischer Gruppen, die Geld für Terroristen in Syrien auftrieben. Nach der ersten, zu sehr bekannt gewordenen Veranstaltung, 2013 in der ATIB-Zentrale, war verordnet worden, Medien dürften über weitere Veranstaltungen nicht mehr berichten. Die meisten hielten sich daran. Noch mehr störte ATIB den Frieden in Österreich, als bei Türken umfangreich Wahlwerbung für Erdoğans AKP und dann für Erdoğans Referendum betrieben wurde. Tausende Türken wurden von der ATIB mit Bussen zu den Wahllokalen befördert. Die behördliche Reaktion war gleich Null.
ATIB meint dazu: “ATIB hat seit mehr als 30 Jahren bewiesen, dass der Verein für Toleranz und gegenseitigen Respekt steht und keinerlei Berührungspunkte zu religiösem Fanatismus oder radikalem Nationalismus hat. Dass immer wieder versucht wird, ATIB mit diesen Positionen in Verbindung zu bringen, ändert nichts an der gefestigten Einstellung von ATIB als Hüter von demokratischen Werten.”
Unterstützung von Terror-Finanzierung, Wahlwerbung für ein diktatorisches politisches System, politische Aktivitäten unter religiösem Mantel – das alles lässt gefestigte, nationalistische Werte erkennen, die mit europäischen demokratischen Werten kaum vereinbar sind. Noch weniger, wenn man die Kopftuch tragenden Kinder bei diesen Veranstaltungen sieht.

Was ist die ATIB?

Der Verein „Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“, kurz ATIB Union genannt, ist eine Abteilung der staatlichen türkischen Behörde Diyanet. Die ATIB wurde im September 1991 als Verein installiert (ZVR-Nr. 657301787). Ihr Vorgänger war die Wiener Muslim-Vereinigung, ebenfalls dem Diyanet untergeordnet. Wie bei vielen dieser Vereine weist auch die ATIB-Webseite kein vollständiges Impressum auf.
Die Funktionäre der ATIB sind bestellte und besoldete türkische Beamte. Sie sind dem Diyanet (daher der türkischen Regierung) weisungsgebunden. Aufgabe der ATIB ist die möglichst umfassende Kontrolle der in Österreich lebenden Türken, unabhängig von deren Staatsbürgerschaft. Daten dieser Türken werden erhoben und an die Türkei gemeldet. Denn laut Erdoğan sind und bleiben Türken immer Untertanen der Türkei.
Die ATIB Union erhält ihre Anweisungen über die türkische Botschaft. Bis vor kurzem fungierte jeweils ein Botschaftsrat als ATIB-Vorsitzender. Um etwas besser dazustehen, spielt derzeit Nihat Koca den Vorsitzenden. Koca ist Arzt, er bietet Genitalverstümmelung von Kindern an und führt sie auch aus, als einträgliche Geldquelle; obwohl solche Verstümmelungen nach österreichischem Recht verboten sind.
Die ATIB Union ist ein Verein, genauer gesagt, ein Verband von Vereinen. Diese Vereine hätten nicht genehmigt werden dürfen. Erstens als Abteilung einer ausländischen Behörde. Zweitens gibt sich ATIB als religiöse Gemeinschaft aus. Drittens stellt ATIB ihre Vereinslokale als “Moscheen” dar, obwohl eben für Vereine keine religiösen Einrichtungen vorgesehen sind. Nach dem Islamgesetz hätten die ATIB-Vereine außerdem mit März 2016 aufgelöst werden müssen. Statt dessen werden sie weiter mit hohen Förderungen unterstützt.
Im Jahre 2011 hatte die ATIB Union österreichweit 9265 Personen als vereinsintern wahlberechtigt angegeben. Wie viele Vereinsmitglieder es wirklich gibt, kann (und will) niemand feststellen. Die ATIB-Imame sind ausnahmslos türkische Beamte, zugewiesen europaweit über eine Zentralstelle. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Türken die Wünsche und Vorgaben der türkischen Regierung zu vermitteln. Wie alle diese ausländischen Sozial- und Kulturvereine ist auch ATIB gleichzeitig als Firma registriert; in allen Vereinslokalen werden diverse geschäftliche Tätigkeiten angeboten. So wurde in Wien-Brigittenau gerade erst ein Reisebüro eröffnet.

Reaktionen

Die ATIB Union empörte sich, die Medien hätten nicht berichtet, dass die ATIB- Leitung die Veranstaltung im Zweigverein Dammstraße sofort abgebrochen und den Obmann abgesetzt hätte. Von einem Abbruch war keine Rede, auch nicht in anderen Zweigvereinen. Diese Feiern anlässlich des türkischen Sieges in Gallipoli waren von der Türkei angeordnet und von ATIB nur umgesetzt worden. Auch in den Jahren davor hatte man nichts von Abbrüchen gehört.
Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) schreibt auf ihrer Webseite, sie erwarte von ATIB eine klare Stellungnahme. Auf Weisung des Diyanet-Leiters Mehmet Görmez, war die IGGÖ 2016 vom Diyanet übernommen worden. Seither leitet offiziell der Diyanet-Beamte Ibrahim Olgun die IGGÖ, ist aber dem ATIB-Vorsitzenden Nihat Koca – der im Obersten Rat sitzt – weisungsgebunden. Selbstverständlich wusste die IGGÖ nicht nur von den schon jahrelang durchgeführten Feiern, sondern hatte sie auch veranlasst, im Auftrag der türkischen Regierung. Sollte also ATIB-Chef Koca dem IGGÖ-Rat Koca berichten? Dass in der ATIB etwas geschieht, das nicht mit dem ATIB-Chef in der IGGÖ abgesprochen ist, kann zur Gänze ausgeschlossen werden.
Die IGGÖ behauptet, einen Maßregel-Katalog für Moscheen erlassen zu haben. Auch das wäre überaus schwierig. Denn die IGGÖ verfügt über keine einzige Moschee, und die als Moscheen bezeichneten Vereinslokale sind ihrer Aufsicht und Kontrolle entzogen. Schlimm wird es dann noch, weil die IGGÖ die Schlacht um Gallipoli mit der österreichischen Geschichte verbindet. Angeblich habe die IGGÖ auch noch den Imam des Zweigvereins suspendiert. Auch das war unglaubwürdig. Die IGGÖ ist nicht berechtigt, einen türkischen Beamten zu suspendieren oder sonstwie zu maßregeln.
Die ATIB Union selbst verurteilte nach außen den tätlichen Angriff eines ihrer Organe gegen einen ORF-Kameramann. Der Täter sei kein ATIB-Mitglied gewesen. Auch das ist keineswegs glaubwürdig, denn schon bei den Salafisten-Treffen 2013 und danach hatte ATIB gewaltorientiertes Wachpersonal eingesetzt.
Aus Richtung Bundesregierung kam die Absicht, das Kultusamt müsse aktiv werden und diese Vorfälle prüfen. Um es offen zu sagen: Ohne dieses Kultusamt wäre der gesamte Islam-Schlamassel, mit dem Österreich schon lange konfrontiert ist, gar nicht erst entstanden. Was sollte das Kultusamt – das erst vor zwei Jahren Olgun statutenwidrig als IGGÖ-Vorsitzenden durchgedrückt hatte – denn schon tun? Vereine aufzulösen, besonders jene, die einer ausländischen Behörde unterstehen, fällt in die Zuständigkeit des Innenministers. Ausländische Beamte aus der Leitung der IGGÖ zu entfernen (und die IGGÖ aufzulösen), würde eine offene Auseinandersetzung mit der Türkei, mit Bosnien und mit der Muslim- bruderschaft bedeuten. Davor scheut man schon seit Jahrzehnten zurück.

Politische Reaktionen erscheinen auch sonst höchst zweifelhaft. Viele Politiker schwelgen darin, sich zusammen mit türkischen Nationalisten zu zeigen. Selbst dort, wo ihnen verhüllte Kinder vorgeführt werden, wie von der ATIB Maria Enzersdorf.

Politische Würdenträger finden sogar dann nichts daran, wenn ein – sich als islamische Religionsgemeinschaft ausgebender – staatlich türkischer Verein eine “Kirmes” veranstaltet (auf türkisch Kermes). Kirchmess auf islamisch? Das Vereinslokal in Hohenems ist nach Abu Hanifa benannt, auf den die Rechtsschule der Hanafiten zurückgeht. Das wäre dann ein kirchlicher Namenspatron? Das Boot ist schon übervoll gelaufen, doch vor lauter Andacht wird vergessen, es auszuschöpfen und wieder fahrbereit zu machen.
In Österreich wohnen einige hunderttausend Türken. Viele von ihnen waren als fleißige Gastarbeiter gekommen. Viele von ihnen lehnen diese Erdoğan’schen Umtriebe ab. Doch durch die Untätigkeit der österreichischen Politik und Behörden werden alle diese Türken mehr und mehr in eine abgesonderte Gesellschaft getrieben; am besten zu sehen am Überhandnehmen von Kopftüchern.

xlarge.at/Agenturen

One thought on “ATIB: Die Fakten

  1. Yücel says:

    Maria Enzersdorf wundert nicht. Im Gemeinderat sitzt Ümmü Gülsüm Büyüktepe, sitzt auch im Vorstand der ATIB. Türkische Beamtin auf ÖVP-Ticket.

Comments are closed.

Archives

Categories

%d bloggers like this: