Die SPD als klinischer Fall

December 21, 2017 by hotminnie

Regression nennt die Medizin den Rückzug in einen früheren Entwicklungszustand: Anders als psychoanalytisch lassen sich die Versuche der SPD, einer Regierungs- beteiligung zu entkommen, nicht mehr erklären.

Ich habe für die SPD immer einen soft spot gehabt, wie man im Englischen sagt. Ich stamme aus einem orthodox-sozialdemokratischen Elternhaus. Die Details kennen alle, die mein Buch “Unter Linken” gelesen haben.
Meine Mutter war 45 Jahre in der Partei, so lange hält in der Regel nicht mal eine Ehe. Meine erste politische Kindheitserinnerung ist der Misstrauensantrag gegen Willy Brandt – und das ungeheure Gefühl der Erleichterung, das die Familie erfasste, als der feige Anschlag der CDU auf unseren Kanzler wie von Zauberhand abgewendet ward. So etwas vergisst man nicht. Man kann aus der Kirche austreten, man kann die Existenz Gottes bezweifeln oder zu den Atheisten überlaufen. Aber wenn am Sonntag die Glocken läuten oder man die ersten Zeilen des Vaterunsers hört, spürt man im Herzen wieder den Wellenschlag der Kindheit, als der Glaube noch intakt war.
Ich erwähne das, weil ich mich gegen den Vorwurf wappnen will, das gegenwärtige Erscheinungsbild der SPD würde mich sicher mit Genugtuung oder Schadenfreude erfüllen. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn der Zustand der SPD im Kolumnisten ein Gefühl hervorruft, dann das von Trauer.
Wie soll man das nennen, was die Sozialdemokraten seit Wochen betreiben? Entscheidungsschwäche? Panikstörung? Angstneurose?
Bis Mittwoch fanden erst einmal Sondierungen statt, ob man sich Sondierungs- gespräche überhaupt zutraut. Es gibt keinen Zwang, in eine Regierung einzutreten, deren Inhalte man nicht teilt. Aber darum geht es hier nicht. Es ist ja noch nicht einmal ansatzweise geklärt, was das Programm der neuen Regierung sein könnte. Schon die Aussicht, noch einmal mitregieren zu müssen, lässt die SPD verzweifeln.
Jede Woche fällt der Parteispitze etwas Neues ein, um eine Regierungsbeteiligung hinauszuzögern. Minderheitsregierung, eine Koalition auf Probe, bei der anfalls- weise entschieden wird, ob man einem Vorhaben zustimmt oder es ablehnt.
Was kommt als nächstes, fragt man sich: Die Home-Office-Koalition, kurz HoKo? Oder die DiMiDo-Koalition? Drei Tage für die einen, drei Tage für die anderen, damit niemand merkt, dass man mitregiert, beziehungsweise immer dann, wenn etwas schiefgeht, sagen kann, die anderen waren es?

Soll sie oder soll sie nicht?

Am besten wäre, man beließe es einfach bei der geschäftsführenden Regierung, die wir derzeit haben. Ich bin sicher, wenn man die Leute nicht darauf hinweist, merkt niemand den Unterschied zu früher. Der Riesenvorteil für die SPD wäre: Sie regiert weiter mit und kann trotzdem behaupten, ihrem Versprechen treu geblieben zu sein, keine Koalitionsverhandlungen aufgenommen zu haben. Leider erlaubt das Grundgesetz keine solche Lösung.
Die Sozialdemokraten haben das Kaiserreich überlebt, die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus. Sie haben die Sozialistenverfolgung unter Bismarck ertragen und die Unterdrückung durch die Nazis. Keine Partei in Deutschland verfügt über eine so lange, ruhmreiche Geschichte – und jetzt benehmen sie sich dort wie ein 17-jähriger Backfisch, der zum ersten Mal zum Schulball gebeten wird. Soll sie oder soll sie nicht? Offenbar kann man auch als politische Organisation mit dem Alter nicht nur den Verstand, sondern auch jede Würde verlieren.
“Die SPD wird gebraucht”, hat Andrea Nahles den Delegierten auf dem Sonder- parteitag vor drei Wochen zugerufen. “Bätschi, sage ich dazu nur. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi.” Das ist das Vokabular und Niveau einer Frau, die sich vorstellen kann, selbst Kanzlerin zu werden. Man mag es mir verzeihen, aber wer bei diesem Kita-Ton nicht befremdet ist, der hat kein Ohr für das Absonderliche.

Opposition allein bringt gar nichts

Die SPD müsse in die Opposition, um sich dort zu erneuern, so kann man allenthalben lesen. Den Oppositionsfreunden gilt die Nicht-Regierung als eine Art Jungbrunnen, aus der man als Partei gestärkt hervorgeht. Wie dieser mirakulöse Verjüngungsprozess ablaufen soll, das zu sagen, macht sich niemand die Mühe. Als sich die SPD 1982 von der Macht verabschiedete, hat es 16 Jahre gedauert, bis sie wieder an die Regierung kam, und das, obwohl die CDU in der selben Zeit kontinuierlich Stimmen und Vertrauen verlor. Opposition allein bringt gar nichts. Woher auch? Programm und Leute werden ja nicht dadurch besser, dass man im Wartezimmer Platz nimmt. Was hinter dem Oppositionsgerede steht, ist der Wunsch, es sich auf den Meckerbänken bequem zu machen. Der Psychologe spricht von Regression, also dem Rückzug in einen Zustand, in dem man jeder Verantwortung enthoben ist. Als typische Begleiterscheinungen dieser Form der Angstbewältigung verzeichnen die Handbücher: Weinerlichkeit, Flucht in Krankheit und Trotz.
Bei der letzten Bundestagswahl hat die SPD noch von einem Mitleidsbonus profitiert. Bei der nächsten Wahl gibt es nicht einmal mehr den. Auch der Wähler hat ein Gedächtnis. Er wird sich daran erinnern, dass die selben Leute, die sich ihm jetzt als kraftvolle Alternative empfehlen, eben noch vor Angst geschlottert haben, als es darum ging, in eine Koalition mit der Union einzutreten.
Leute, die an einem neurotischen Schub leiden, schickt man normalerweise zum Doktor oder in die Selbsthilfegruppen, aber nicht ins Kanzleramt.

Jan Fleischhauer

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