Blogger gegen Blocker

April 24, 2017 by hotminnie

BERICHT

Medien fanden irgendwann heraus, holla! – es gibt das Internet.
Früher war es harte Beinarbeit, man brauchte Verkaufszahlen, musste dafür etwas bieten. Über das Internet, so dachten viele, ginge es leichter. Bis der große Wettlauf begann. Die Internet-Auftritte der Medien wurden immer umfangreicher, aufwendiger, jeder wollte den anderen überbieten. Mit sinnlosen Laufbildern auf Einstiegsseiten, tonnenweise Video-Einschaltungen, zuletzt – weil nichts Vernünftiges mehr einfiel – noch unzähligen und unsäglichen Zitaten aus der bunten Twitterwelt dazu.
Die Kosten für diesen Aufwand, täglich noch Auffallenderes zu bieten, stiegen ins Unermessliche, führten zum ersten Krieg gegen die Konsumenten. Wollt ihr unsere Seiten sehen, müsst ihr dafür zahlen! Große und bekannte Medien – darunter New York Times, Wall Street Journal, FAZ, NZZ, Telegraph, die Kommunisten-Postille taz sowieso – sperrten Artikel oder gleich die ganze Seite für den nichtzahlenden Pöbel. Der Pöbel reagierte – und ignorierte. Sehr zum Leidwesen der übergierigen Medien.
Das World Wide Web verfolgt den Grundsatz: Inhalte sind frei. Warum für etwas bezahlen, was es woanders gratis gibt.
Der nächste Schritt war verständlich, wollte man eine finanzielle Bauchlandung vermeiden. Die medialen Internet-Auftritte wurden mit – offener oder versteckter – Werbung zugeschüttet. Große Werbekonzerne vermarkten die Angebote ihrer Klienten, auf jede nur erdenkliche Weise. Weil so viele dumme User immer noch Werbung anklicken und dem billigsten Unsinn auf den Leim gehen, bringt das Milliardengewinne. Eine Abzocke nie dagewesenen Ausmaßes war die Folge.
Wer nicht von Werbung überflutet werden will, greift zu Adblockern, von findigen Entwicklern angeboten. Den Werbefirmen sind Adblocker natürlich ein Dorn im Auge, sie behindern ihren Umsatz. Als Reaktion wurde der nächste Krieg ausgerufen.
Ein Gerichtsstreit in Deutschland brachte eine Niederlage. Die Kölner Zivilkammer bestätigte Entscheidungen der Landgerichte in Hamburg und München, in denen Anträge auf Vertriebsverbot für den Werbeblocker Adblock Plus abgelehnt worden waren. In der Urteilsbegründung hält die Kammer fest, dass die Kläger weder eine gezielte Behinderung noch eine allgemeine Marktstörung nachgewiesen hätten. Die Erstgerichte hatten den Adblock-Anbieter Eyeo von einem Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht freigesprochen, da die Internetnutzer in einer “autonomen und eigenständigen Entscheidung” den Werbeblocker installierten und hierdurch verhinderten, dass Werbung angezeigt wird.
Die Antwort folgte auf dem Fuße. Eine Anzahl von Medien blockiert nun den Zugriff auf ihre Seiten, wenn Adblocker verwendet werden. Eine absolut dumme Handhabung, die tief in die Entscheidungsfreiheit des Konsumenten eingreift. Und kein Mehr an Einnahmen bringt.
Neuerdings erhält diese Auseinandersetzung eine fragwürdige Dimension. Auch einzelne Blogger – jene, die ein eigenes Weblog betreiben – schlossen sich dieser Blockade an.
Ein typisches Beispiel dafür ist der ehemalige Journalist Andreas Unterberger aus Österreich, der ein “Tagebuch”-Blog anbietet, vorwiegend mit eigenen Artikeln, die kommentiert werden können. Bald bemerkte Unterberger, dass so ein Blog Geld und Aufwand kostet.
Er bot zunächst Abonnements an, um 120 Euro im Jahr. Ein eher stolzer Preis für eine reine Privatseite. Als nächsten Schritt sperrte Unterberger den Zugang zu seinen Artikeln für Nicht-Abonnenten, für zwei Tage.
Als Pikanterie bietet er an, Artikel für 36 Cent pro Stück kaufen zu können. Der scheinbar geringe Aufwand bietet aber einen zusätzlichen Haken: Jeder, der Geld überweist, auch wenn es nur 36 Cent sind, gibt damit seine Bankverbindung preis. Das Wissen um Bankdaten und deren Vermarktung ist ein wichtiger Teil des Datensammelnetzes, mit dem Konsumenten aller Art überzogen werden, auch mit Bankdaten lässt sich verdienen.
Dann wurde Unterberger unersättlich. Seine Seite wird mittlerweile von unzähligen Werbeeinschaltungen verunziert. Darunter so eigenartige, wie eine Moslem-Datingseite, die so gar nicht zu einem konservativ sein wollenden Journalisten passen.
Weil natürlich User des Unterberger-Tagebuchs nicht in Werbung untergehen wollten, wurden auch dort Adblocker eingesetzt. Wer einen verwendet, wird diesen sicher nicht für einzelne Seiten abschalten. Dem konterte der sich “liberal” nennende Unterberger brutal. Die Seite ist mit Adblocker nicht mehr zugänglich. Der angezeigte Text lässt erkennen, es geht nur mehr um Geld:
Sie haben leider einen Ad-Blocker eingeschaltet. Bitte deaktivieren Sie diesen für andreas-unterberger.at, damit Sie diese Seite wieder lesen können. Oder noch einfacher: Werden Sie Abonnent („erstmals registrieren“), dann bekommen Sie immer ohne Verzögerung inseratenfreie Seiten!
Nun gut. Übrig bleibt eben die kleine Gruppe zahlender Abonnenten, die – angeblich – keine Werbung mehr angezeigt sehen. Die anderen sind ausgesperrt. Ob sich diese Brutalo-Aktion dann noch lohnt, bleibt dahingestellt. Denn intelligente User würden auch im Tagebuch ohnehin keine Werbung anklicken.
Der Krieg zwischen Gier und ehrlichem Konsum wird härter. Forscher aus Stanford und Princeton kamen zur Erkenntnis, dass in der Auseinandersetzung am Ende die Adblocker die Oberhand behalten werden, jedenfalls auf dem Stand der jetzigen Technik und Verbraucherschutzgesetze.

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