Luft raus

October 8, 2016 by hotminnie

KOMMENTAR

Also, ich habe mit Asylsuchern bislang keinerlei Probleme gehabt, obwohl ich ausschließlich zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Hamburg unterwegs bin. Umgekehrt scheint das Verhältnis sogar noch viel besser zu sein. Wie es aussieht, drängen die Asylsucher geradezu zwanghaft in meine Nähe, sprechen sich vermutlich heimlich ab, um immer rechtzeitig auf dem Bahnsteig, in dem Bus oder auf dem Gehweg Präsenz zu zeigen, wo ich auch gleich erwartet werde.
Anders kann ich es mir nicht erklären, warum ich ihnen überall begegne. Denn wie das Bundesinnenministerium bekannt gegeben hat, sind 2015 „nur“ 890000 Asylsucher nach Deutschland gekommen, von denen 50000 schon wieder weg seien, sodass sich 840000 von ihnen noch im Lande befänden.
Nach dem Verteilungsschlüssel bekommt Hamburg 2,5 Prozent zugeteilt, macht gut 20000. In einer Stadt von 1,8 Millionen Einwohnern ginge eine so kleine Gruppe unter wie ein paar wenige Nadeln im Heuhaufen. Man müsste lange wühlen, bis man sich endlich piekst.
Ich dagegen bin mit meiner Wühlarbeit immer schon binnen Minuten erfolgreich. Der Anteil der Schwarzafrikaner und Orientalen ist überall dort, wo ich hinkomme, seit Mitte vergangenen Jahres sprunghaft angestiegen. Selbst die Eritreer, die ja nur wieder einen kleinen Teil der Asylsucher ausmachen, sind allgegenwärtig – oder zumindest Leute, die so aussehen.
Bei gerade einmal gut 20000 Menschen mehr aus dieser Gruppe in der ganzen Stadt ist diese Allgegenwart kaum vorstellbar. Es kann demnach nicht anders sein, als dass sich die Asylsucher hinsichtlich meiner innerstädtischen Reiserouten absprechen.
Oder, dass mit den Zahlen des Ministeriums irgendetwas nicht stimmen könnte.
Da ist es wieder, das Gift des Misstrauens. Manche ziehen ja schon reflexhaft die Augenbraunen herunter, wenn ihnen Politik oder gewisse Medien mal wieder die angebliche Wahrheit erzählen. Die Affäre mit den beiden Sprengsätzen von Dresden ist leider nicht dazu angetan, verspieltes Vertrauen zurückzugewinnen.
„Rechter Terror in Dresden“, polterte „Bild“, der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag, Albrecht Pallas, wusste: „Hier blasen Rechte zum großen Angriff auf die Demokratie und andere Kulturen.“ Die Empörungswelle schlug quer durch die etablierten Parteien und Medien. Gestützt haben sie sich auf die Polizei, die einen „fremdenfeindlichen Hintergrund“ vermutete.
Dass das von Anfang an merkwürdig war, scherte niemanden. Schließlich gingen die beiden Anschläge sowohl gegen eine Moschee als auch gegen den Tag der deutschen Einheit. Seit wann zündeln Rechtsextreme Gewalttäter gegen die deutsche Einheit?
Als schließlich ein mutmaßliches Bekennerschreiben aus der linken Ecke auftauchte, geschah etwas Merkwürdiges – nämlich fast nichts mehr. Der linke Rand nörgelte, das Schreiben sei eine Fälschung, und das etablierte Parteien- und Mediendeutschland schob die ganze Sache umgehend in den hintersten Winkel seiner Wahrnehmung.
Wie die das immer hinkriegen! Erst plustern sie sich auf bis zum Zerplatzen. Doch sobald sich herausstellt, dass die Tat nicht feindbildgerecht für den Kampf gegen Rechts zu plündern sein würde, sagt es „pfffft“ und die ganze Luft ist schlagartig raus. Nur wegen gewisser Aufregungen um die Vereinigungsfeiern in Dresden muss­ten sie die Bomben-Geschichte noch ein paar Tage mitschleppen, sonst hätte man den Vorfall schon am Tag nach Bekanntwerden des angeblichen Bekennerbriefs still und leise begraben.
Etablierte Politik und Main­stream-Medien haben sich eine Devise zurechtgelegt, die das alte Sprichwort „Die Zeit heilt alle Wunden“ neu interpretiert: Man könnte sie „Die Zeit heilt alle Lügen“ nennen oder den Grundsatz, dass man Propaganda nur lange genug wiederholen muss, bis sie geglaubt wird. Erinnern Sie sich an den Vorfall von Tröglitz?
In dem mitteldeutschen Dorf war im April 2015 der Dachstuhl eines Gebäudes ausgebrannt, das als Asylheim vorgesehen war, Diagnose: Brandstiftung. Doch weder der Urheber noch das Motiv konnten herausgefunden werden, vergangenen Juli stellten die Behörden die Ermittlungen ein.
Ist der Fall damit wertlos geworden für den „Kampf gegen Rechts“? Aber nicht doch: Man beklagt die „Zunahme rechter Gewalt in den neuen Bundesländern“, berichtet zeitgleich über die zahlreichen Brände in Asyleinrichtungen und sagt dann, „wie zum Beispiel in Tröglitz“.
Damit haben sie zwar nichts behauptet über die Brandstifter in dem Dorf, die unbekannt sind. Doch jeder unbedarfte Zuschauer kombiniert ganz von selbst: In Tröglitz haben „die Rechten“ gezündelt.
Billiger geht’s nicht, was dafür gesorgt hat, dass die Zahl der „Unbedarften“ stetig sinkt. Einige tausend gar nicht mehr Unbedarfte haben den hohen Politikern am 3. Oktober in Dresden einen ziemlich unfreundlichen Empfang bereitet, worüber Helldeutschland finster empört ist.
Daran will man sich nur schwer gewöhnen: Seit Ende der 60er Jahre war es das Privileg der Linken, auf der Straße lautstarke Demos gegen hohe Staatsvertreter zu veranstalten. Die Angehörigen des Bürgertums hatten Steuern zu zahlen und bis zum Wahltag die Klappe zu halten. Das waren die „Spießer“, die in Talkshows höchstens als Objekt auftauchen.
Und die wagen es nun, der Kanzlerin, dem Herrn Bundespräsidenten und deren Gefolge etwas zu bieten, was bislang nur Linke durften? Ein Skandal, eine Schande. Einen kleinen Unterschied gibt es noch: Um zu zeigen, wie schändlich und aggressiv die Demonstranten sich aufführten, zeigte man uns Bilder einer einsamen Claudia Roth, die vergeblich versucht habe, mit den „Pöblern“ ins Gespräch zu kommen.
Auffällig ist, dass nicht einer der „aggressiven Wutbürger“ auch nur den Versuch unternommen hat, auf Frau Roth auch anders als nur verbal loszugehen. Eigentlich selbstverständlich, aber stellen wir uns vor, Frauke Petry hätte sich in gleicher Weise vor dem linken „schwarzen Block“ aufgebaut. Was da wohl passiert wäre? Nur so ein Gedanke.
Fest steht, dass die pöbelnden Bürger von Dresden „das Land spalten“, wie wir von den Kommentatoren und Festrednern der Dresdner Veranstaltung erfahren haben. Sprich: Nachdem man die Leute als Pack, Mischpoke und Ähnliches beschimpft hat, sind sie unbegreiflicherweise nicht mehr bereit, brav mitzuspielen.
Immerhin gab es auch gute Nachrichten von diesem Wochen­ende, was das Volk angeht. Das Volk von Ungarn hat seinen bösen Führer Victor Orbán im Regen stehen lassen, indem es sich nicht ausreichend an dessen Volksabstimmung gegen die EU-bestimmte Verteilung von „Flüchtlingen“ beteiligt hatte. Bravo! Denn, wie deutsche Kommentatoren betonen, Ungarn hat sich mit seiner strikten Zuwanderungspolitik ja schon genug isoliert.
Wie wir hören, hagelt es nämlich internationale Proteste gegen Orbáns Haltung in der Asylfrage, nämlich aus Deutschland und aus … ja, also jedenfalls aus Deutschland, und das ist ja wohl international genug.
Dagegen zeigt Deutschland internationale Verantwortung, weshalb es von überallher Unterstützung erfährt. Oder? Ich weiß ja: von nirgendwoher. Erstaunlich, dass ein Land wie wir, das eben noch so ängstlich beflissen auf die „Meinung unserer Nachbarn“ reagierte, in der Asylfrage die eigene Isolierung geradezu lustvoll erfährt und sich trotzdem so international und „weltoffen“ wie nie vorkommt. Aufgeblasene Lokalgrößen, die außerhalb Hamburgs kein Schwein sehen will, nennt man an der Alster spöttisch „in Hamburg weltberühmt“. So ist auch Merkeldeutschland das internationalste Land der Welt geworden – allerdings nur bei sich zuhause.

Hans Heckel

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