Datenschützer warnt vor Nutzung von WhatsApp

October 7, 2016 by hotminnie

BERICHT

Der deutschlandweit für Facebook zuständige Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar hat von der weiteren Nutzung des Kurznachrichtendienstes WhatsApp abgeraten. “Alle Nutzer von WhatsApp sollten ernsthaft prüfen, künftig eher eine der vielen alternativen Messengerdienste von Anbietern zu nutzen, die einen datenschutzfreundlicheren Umgang mit Informationen Ihrer Kunden praktizieren“, sagte Caspar dem “Hamburger Abendblatt”. Hintergrund: Facebook weigert sich, eine Verwaltungsordnung Caspars umzusetzen, in der dieser die Übernahme der WhatsApp-Daten durch Facebook untersagte. Das Unternehmen hat Widerspruch eingelegt und ist vor Gericht gezogen, um die Anordnung nicht umsetzen zu müssen.
Vor zwei Jahren hatte Facebook den populären Dienst WhatsApp erworben, den mittlerweile nach Schätzungen rund 35 Millionen Deutsche nutzen. Damals versicherte Facebook, die WhatsApp-Daten nicht zu übernehmen. Durch eine Änderung der Nutzungsbedingungen erzwingt WhatsApp aber nun doch die Zustimmung zur Datenübermittlung an Facebook. Wer nicht zustimmt, kann WhatsApp nicht mehr nutzen. Sogar die Daten von WhatsApp-Nutzern, die gar nicht bei Facebook angemeldet sind, gehen an Facebook, falls einer der Nutzer etwa ihre Telefonnummer in sein WhatsApp-Adressbuch eingetragen hat.

WhatsApp blockiert alle, die Daten nicht weitergeben wollen

Aus Sicht der Nutzer von WhatsApp ist die Nachricht, dass Facebook und WhatsApp trotz weltweiter Kritik und der Einleitung von Verfahren durch Daten- und Verbraucherschützer an den Plänen zum Massendatenabgleich festhalten, keine gute Entwicklung“, sagte Caspar dem “Hamburger Abendblatt”. “Zwar hat Facebook mitgeteilt, bislang noch keine Daten von WhatsApp-Nutzerinnen und -Nutzern mit einer +49 Vorwahl im Rahmen des aktuell geplanten Datenabgleichs erhoben zu haben. Daraus lassen sich allerdings keine Rückschlüsse auf das weitere Vorgehen ziehen. Denn zeitgleich betont das Unternehmen, dass der Datentausch auf gängigen Industriestandards beruhe und die Zulässigkeit sich nach dem irischen Recht richte.”
Mittlerweile gebe es auch erste Beschwerden von Nutzern, die beklagten, WhatsApp ohne die Zustimmung zur Datenübertragung nicht mehr nutzen zu können, so Caspar. “Die rigide Durchsetzung der eigenen Datennutzungsvorstellungen unter Außerachtlassung deutscher Datenschutzvorgaben gegenüber deutschen Nutzerinnen und Nutzern ist uns bereits von den Kontensperrungen bei der legitimen Verwendung pseudonymer Nutzerprofile bekannt“, so der Datenschützer.

Facebook: Wir halten uns an die Gesetze

Die in Deutschland für Facebook tätige Agentur APCO bestätigte auf Anfrage des “Hamburger Abendblatts” lediglich, dass das Unternehmen Widerspruch gegen Caspars Anordnung eingelegt habe, wollte sich aber zu weiteren Details nicht äußern. Tatsächlich sei die weitere Nutzung von WhatsApp nur möglich, wenn man den neuen Bedingungen zustimme. Wer nicht zustimme, könne WhatsApp nach einer Frist von 30 Tagen nicht weiter nutzen.
Caspar hatte den Zugriff auf die WhatsApp-Daten untersagt, da Facebook damit “Zugang zu ganzen sozialen Biografien” bekomme. Das Unternehmen kommt auch an sensible Daten und erfährt im Zweifel auch, mit welchen Ärzten Menschen Kontakt haben. Insgesamt geht es um Hunderte Millionen Datensätze. “Wir haben es hier mit sehr entscheidenden Fragen zu tun“, so Caspar. “Da kann man keine Kompromisse machen.” Facebook teilte wiederholt mit, das Unternehmen halte sich an EU-Datenschutzrecht. Dabei könnte die Luft für Facebook in Deutschland und Europa schnell dünner werden.
Facebook hat das Datenschutzgesetz wie jeder andere einzuhalten. Dies bestätigte erst im Juli noch der Europäische Gerichtshof in einem Urteil“, betonte etwa der SPD-Wirtschaftspolitiker und Netzexperte Hansjörg Schmidt. “Unabhängig davon wird die Kritik an dem Vorgehen von Facebook auf europäischer Ebene zunehmen. Dies zeigt sich schon daran, dass die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager prüft, ob sie das Fusionskontrollverfahren zwischen Facebook und WhatsApp neu aufrollen muss“, so Schmidt. “Denn auch hier hat Facebook versprochen, dass kein Datenaustausch zwischen beiden Unternehmen stattfinden werde.”
Auch Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) hatte Caspars Durchgreifen gegen Facebook zuletzt unterstützt. “Caspar macht das absolut richtig“, sagte Steffen. “Es ist wichtig, dass den deutschen und europäischen Datenschutzstandards zu Recht verholfen wird. Die Macht des einzelnen Verbrauchers ist an dieser Stelle zu gering.”
Als gute Alternativen zu WhatsApp gelten zum Beispiel Apps wie Threema, Telegram oder Wire. Edward Snowden, der die Überwachungsmethoden des US-Geheimdienstes NSA aufdeckte, hat zuletzt den Kurznachrichtendienst Signal von Open Whisper Systems empfohlen. Auch dieser Dienst ist kostenlos.

Jens Meyer-Wellmann

Advertisements

Archives

Categories

%d bloggers like this: