Aleviten eröffnen Cem-Haus in Wien

October 11, 2015 by hotminnie

BERICHT

Mit einer großen Veranstaltung, im Saal des MOZAIK-Veranstaltungszentrums, feierten die österreichischen Aleviten (ALEVI) am gestrigen Samstag die Eröffnung ihres neuen Cem-Hauses in Wien. Ein Cem-Haus (Cemevi) ist das religiöse Zentrum der Aleviten, der futuristisch anmutende Bau in der Wiener Leopoldau ist auch äußerlich sehr eindrucksvoll.

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Die Aleviten waren die erste islamische Glaubensgruppe, die in Österreich als Religionsgesellschaft zugelassen worden war, nach harten Auseinandersetzungen mit sehr negativ eingestellten Behörden. Im Vergleich zu anderen islamischen Gruppen, die sich oft sehr zerstritten darstellen und sich nur schwer einfügen, sind die Aleviten laizistisch orientiert und in großen Teilen gut integriert.
Alevitische Frauen genießen Respekt und werden nicht unter unislamischen Vermummungen versteckt. Das fällt positiv auf.

Die Veranstaltung begann mit einem Schock, der die gesamte Feier überschattete. In Ankara waren bei einem Doppel-Anschlag gegen eine Demonstration, nur wenige Stunden davor, mehr als 97 Menschen getötet und rund 240 Menschen teilweise schwer verletzt worden.
Die Aleviten zählen in der Türkei 20 bis 25 Millionen Menschen: Sie sind bei der radikal-islamischen Regierungspartei AKP alles andere als gern gesehen, auch die Aleviten hatten deshalb schon etliche Todesopfer zu beklagen.
Zum Teil sehr emotional griffen die Sprecher diesen Anschlag und sich daraus ergebende Konsequenzen auf. Auch ein alevitischer Parlamentsabgeordneter aus der Türkei nahm sich kein Blatt vor den Mund. Da auch in Europa radikal-islamische Kräfte zunehmend an Einfluss gewinnen, sind Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen.

Ganz deutlich war zu sehen, die religiösen Führer der Aleviten, die Dedes, genießen hohe Achtung, sie wurden aufmerksam und mit besonderer Wertschätzung begrüßt. Die Veranstaltung begann mit einer Musikdarbietung junger Burschen und Mädchen, die Bağlama spielten und dazu sangen. Elegante junge Frauen führten zweisprachig durch die Feier.
Das Cem-Haus in Wien hat große Bedeutung für die Aleviten. Es ist das erste, unmittelbar für diesen Zweck entworfene und gebaute Gebäude in ganz Österreich; der durch mehrere Fensterreihen hell und freundlich wirkende runde Raum ist auch optisch gleichzeitig Anziehungspunkt und Beispiel, was eine Religionsgemeinschaft mit ernsthafter Anstrengung erreichen kann.
Der oberste Dede der österreichischen Aleviten sprach vor dem Eintritt ein Weihegebet, dann zeigte die Musikgruppe in traditionellen Gewändern den typischen religiösen Tanz der Aleviten vor. Damit endete der offizielle Teil der Feier.

Geladen waren die anderen Religionsgemeinschaften in Österreich, von denen einige Vertreter schickten. Fuat Sanac von der extremistischen Islamischen Glaubensgemeinschaft fühlte sich sichtlich unwohl; der Milli Görüs-Mann lehnt die Aleviten strikt ab. Auch der Präsident der schiitischen Glaubensgemeinschaft war nicht sehr erfreut, als sein Platz durch einen iranischen Ayatollah eingenommen wurde.
Stellvertretend für die anderen Religionsgemeinschaften sprach der katholische Weihbischof; noch sind die Katholiken die zahlenmäßig stärkste Religions-gesellschaft in Österreich.

Unvermeidlich waren einige Begleiterscheinungen. Türken in Österreich sind mehrheitlich der Sozialistischen Partei (SPÖ) verbunden. Deshalb wurden auch die SPÖ-Politiker Michael Häupl und Josef Ostermayer zu Ansprachen gebeten. Beide nutzten das sehr intensiv, und sehr unpassend, für Wahlwerbung; die SPÖ ist traditionell unempfindlich für religiöse Gefühle.
Die kommunistische Abgeordnete Alev Korun fiel völlig aus dem Rahmen. Sie tauchte mit einem grellgrünen Umhang und einem Wahlplakat der Grünen auf. Das völlige Fehlen von Verstand und Anstand am linken Rand konnte nicht besser zur Schau gestellt werden. Mit üblicher Herzlichkeit und hin und wieder überschlagender Stimme sprach auch der Jung-Minister Sebastian Kurz. Schweigen wäre besser gewesen, denn Kurz freute sich wieder einmal über „sein“ Islamgesetz—dessen brisanter Inhalt ihm weiter verschlossen bleibt.
Ein kleiner Eklat wurde von den Aleviten taktvoll übergangen. Die Politiker trampelten mit Straßenschuhen in das Cem-Haus. Das konnte man noch mit Unwissenheit erklären. Fuat Sanac hatte diese Ausrede nicht. Auch er behielt seine Schuhe an, mit Absicht, um den Aleviten wieder einmal zu zeigen, dass sie für ihn keine Muslime sind. Ein Hardliner wird sich kaum jemals ändern, das wurde verstanden.

Alles zusammen haben sich die Aleviten als Religionsgesellschaft und der Demokratie verbunden in Österreich gut etabliert und zeigen vor—es geht auch anders, als eine Parallel-Gesellschaft mit Verkleidungen zu inszenieren.

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